Schaeffler greift erneut zum Rotstift. Der Automobilzulieferer kündigt den Abbau von 3.460 Stellen in Europa an, davon allein 2.660 in Deutschland. Mehrere Werke sollen schließen, sogar ein freiwilliger Gehaltsverzicht bis hinauf zum Vorstand steht im Raum. Dahinter steckt ein ehrgeiziges Ziel: Ab 2030 will Schaeffler jährlich rund 300 Millionen Euro einsparen. Für Anleger stellt sich die Frage, ob der harte Sparkurs die Schaeffler Aktie wieder attraktiver macht oder ob die Probleme der Automobilindustrie noch schwerer wiegen.
Schaeffler verschärft den Sparkurs: Deutschland besonders betroffen
Die Krise der Automobilzulieferer hinterlässt bei Schaeffler immer tiefere Spuren. Nach bereits eingeleiteten Restrukturierungen und 1.800 abgeschlossenen Altersteilzeitverträgen legt der Konzern ein weiteres Ergebnisverbesserungsprogramm auf.
Bis 2028 sollen netto 3.460 Stellen in Europa wegfallen. Rund 2.660 davon entfallen auf Deutschland. Gemessen an der deutschen Stammbelegschaft entspricht das etwa neun Prozent der Arbeitsplätze. Zusammen mit früheren Programmen und den bereits vereinbarten Altersteilzeitregelungen steigt der Anteil auf rund 18 Prozent.
Besonders betroffen sind die Produktion und die Entwicklung. Rund die Hälfte des Stellenabbaus entfällt auf Fertigungsbereiche, weitere 30 Prozent auf Forschung und Entwicklung.
Auch Werksschließungen sind geplant. Die Standorte Dortmund und Morbach, an denen bislang Komponenten für Verbrennungsmotoren hergestellt werden, sollen aufgegeben werden. Weitere Einschnitte betreffen unter anderem Berlin, Schwalbach und Höchstadt.
Die Botschaft ist eindeutig: Schaeffler will seine Kapazitäten konsequent an die veränderte Nachfrage anpassen.
300 Millionen Euro jährlich: Der Umbau wird zunächst teuer
Finanziell hat das neue Sparprogramm erhebliche Dimensionen. Ab 2030 sollen die Maßnahmen jährlich rund 300 Millionen Euro zur Ergebnisverbesserung beitragen.
Allerdings kostet der Umbau zunächst viel Geld. Schaeffler rechnet mit einmaligen Restrukturierungsaufwendungen von rund 480 Millionen Euro. Der Großteil soll bereits 2026 als Rückstellung verbucht werden.
Für Anleger bedeutet das zunächst eine zusätzliche Belastung des berichteten Ergebnisses. Langfristig könnte sich die Maßnahme jedoch auszahlen, sofern die geplanten Einsparungen tatsächlich erreicht werden.
Rein rechnerisch entsprechen die angestrebten jährlichen Einsparungen rund 62,5 Prozent der einmaligen Restrukturierungskosten. Das zeigt, wie groß der finanzielle Hebel sein könnte. Ein tatsächlicher Rückfluss des eingesetzten Kapitals lässt sich daraus allerdings nicht unmittelbar ableiten.
Bemerkenswert ist zudem der geplante Solidaritätsbeitrag. Vom Vorstand bis zu weiteren Hierarchieebenen soll ein zeitlich begrenzter freiwilliger Gehaltsverzicht geprüft werden. Damit will Schaeffler zusätzliche Entlastungen schaffen und den Stellenabbau möglichst begrenzen.
Verbrenner schwächelt, Elektromobilität kommt langsamer als erwartet
Der Hintergrund der Maßnahmen ist wenig überraschend. Die Automobilindustrie befindet sich mitten in einem schwierigen Strukturwandel.
Das klassische Geschäft mit Verbrennungsmotoren verliert an Bedeutung. Gleichzeitig entwickelt sich die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen langsamer als von vielen Herstellern und Zulieferern ursprünglich erwartet.
Für Schaeffler entsteht dadurch eine unangenehme Situation: Bestehende Produktionskapazitäten sind teilweise nicht mehr ausgelastet, während neue Geschäftsfelder noch nicht schnell genug wachsen, um die Rückgänge vollständig auszugleichen.
Hinzu kommen hohe Personalkosten in Deutschland und eine komplexe Konzernorganisation. Genau hier setzt das neue Programm an. Weniger Hierarchieebenen, gebündelte Kompetenzen und eine schlankere Standortstruktur sollen die Wettbewerbsfähigkeit verbessern.
Robotik und Verteidigung: Schaeffler sucht neue Wachstumsmärkte
Doch Schaeffler will nicht ausschließlich sparen. Der Konzern arbeitet gleichzeitig daran, seine Abhängigkeit vom klassischen Automobilgeschäft zu reduzieren.
Im Mittelpunkt stehen unter anderem humanoide Robotik und Verteidigungstechnologie. Beide Bereiche könnten langfristig zusätzliche Absatzmöglichkeiten für die vorhandenen Kompetenzen in Mechanik, Antriebstechnik und Präzisionsfertigung eröffnen.
Produktionsvorstand Jochen Schröder sieht darin Chancen:
„Neben unserem Fokus auf der Weiterentwicklung des Kerngeschäfts bieten sich der Schaeffler Gruppe vielversprechende Wachstumschancen in Zukunftsfeldern, vor allem in den Bereichen Humanoide Robotik und Verteidigung. Hierbei können wir auf technologisches Knowhow zurückgreifen, das wir im Kerngeschäft entwickelt haben.“
Mit der strategischen Ausrichtung als sogenannte Motion Technology Company will Schaeffler künftig breiter aufgestellt sein.
Für Anleger ist dabei entscheidend, wie schnell aus diesen neuen Geschäftsfeldern relevante Umsätze und Gewinne entstehen. Konkrete finanzielle Wachstumsziele für Robotik und Verteidigung nennt die aktuelle Mitteilung nicht.
Schaeffler Aktie: Große Einsparungen, aber auch erhebliche Risiken
Das neue Restrukturierungsprogramm zeigt, wie ernst die Lage im europäischen Automobilzuliefergeschäft weiterhin ist. Schaeffler reagiert mit tiefgreifenden Maßnahmen und nimmt dafür hohe einmalige Belastungen in Kauf.
Die geplanten jährlichen Einsparungen von 300 Millionen Euro könnten die Profitabilität ab 2030 spürbar verbessern. Voraussetzung ist allerdings, dass die Umsetzung gelingt und die schwache Nachfrage nicht weitere Einschnitte erforderlich macht.
Für die Schaeffler Aktie ergibt sich damit eine klassische Turnaround-Konstellation. Auf der einen Seite stehen erhebliche Restrukturierungskosten, ein schwieriger Automobilmarkt und der Verlust von Arbeitsplätzen. Auf der anderen Seite bieten die geplanten Einsparungen und neue Geschäftsfelder langfristige Chancen.
Entscheidend wird sein, ob Schaeffler seine Kosten schneller senken kann, als das traditionelle Geschäft unter Druck gerät.
Denn eines ist klar: 300 Millionen Euro jährliche Einsparungen sind eine beachtliche Größenordnung. Doch erst wenn daraus nachhaltig höhere Gewinne und Cashflows werden, dürfte der Konzernumbau auch für Aktionäre seinen vollen Wert entfalten.














