SGL Carbon meldet sich eindrucksvoll zurück. Nach einem Verlust von mehr als 51 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum erzielt der Spezialist für Carbon- und Graphitmaterialien in den ersten neun Monaten 2026 wieder einen Konzerngewinn von 31,3 Millionen Euro. Gleichzeitig steigen die Margen, die Verschuldung sinkt und der Free Cashflow hat sich mehr als verdreifacht. Besonders die Nachfrage aus der Halbleiter- und Nuklearindustrie sorgt für Rückenwind. Jetzt hebt SGL Carbon auch noch seine Ergebnisprognose an. Steht die SGL Carbon Aktie vor einer nachhaltigen Neubewertung?
SGL Carbon: Aus 51 Millionen Euro Verlust wird ein Gewinn von 31 Millionen Euro
Die Neunmonatszahlen von SGL Carbon zeigen einen bemerkenswerten Ergebnisumschwung.
In den ersten neun Monaten 2026 erzielte das Unternehmen einen Konzernumsatz von 594,8 Millionen Euro. Das entspricht einem Rückgang von 8,9 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
Auf den ersten Blick erscheint diese Entwicklung wenig erfreulich.
Allerdings ist der Umsatzrückgang vor allem auf die Einstellung defizitärer Aktivitäten im Carbonfasergeschäft zurückzuführen. SGL Carbon hat sich bewusst von Geschäftsbereichen getrennt, die zwar Umsatz brachten, aber die Profitabilität belasteten.
Im dritten Quartal erreichte der Konzernumsatz mit 200,6 Millionen Euro bereits wieder das Vorjahresniveau.
Noch interessanter ist die Ergebnisentwicklung.
Das ausgewiesene EBIT verbesserte sich von minus 15,3 Millionen Euro auf plus 66,1 Millionen Euro.
Unter dem Strich erzielte SGL Carbon einen Konzerngewinn von 31,3 Millionen Euro. Im Vorjahreszeitraum hatte noch ein Verlust von 51,3 Millionen Euro in den Büchern gestanden.
Damit ergibt sich eine Ergebnisverbesserung von 82,6 Millionen Euro.
Allerdings muss berücksichtigt werden, dass das Vorjahr durch hohe Restrukturierungskosten außergewöhnlich belastet war. Das bereinigte EBIT lag mit 69,2 Millionen Euro nahezu auf Vorjahresniveau.
Der Turnaround ist damit vor allem das Ergebnis einer deutlich bereinigten Kosten- und Geschäftsstruktur. Eine ebenso starke Verbesserung des laufenden operativen Ergebnisses lässt sich aus den Zahlen allein noch nicht ableiten.
Graphite Solutions boomt: Halbleiter und Atomkraft als Wachstumstreiber
Besonders positiv entwickelt sich der Geschäftsbereich Graphite Solutions.
Hier stieg der Umsatz in den ersten neun Monaten um zehn Prozent auf 358,3 Millionen Euro.
Das bereinigte EBITDA erhöhte sich sogar um 23,5 Prozent auf 71,9 Millionen Euro.
Die bereinigte EBITDA-Marge verbesserte sich von 17,9 auf 20,1 Prozent.
Ein wichtiger Treiber ist die Nachfrage nach Spezialgraphit für die Halbleiterindustrie.
Allerdings enthält der Umsatz auch Ausgleichszahlungen in Höhe von 30,4 Millionen Euro aus angepassten Lieferverträgen mit Halbleiterkunden.
Diese Zahlungen sind ergebniswirksam und haben die Profitabilität deutlich unterstützt. Sie sollten deshalb nicht ohne Weiteres als dauerhaft wiederkehrender Ergebnisbeitrag betrachtet werden.
Ein weiterer interessanter Wachstumsbereich ist die Nuklearindustrie.
Das Marktsegment Energie erhöhte seinen Anteil am Umsatz von Graphite Solutions von 14,2 auf 18,2 Prozent.
Insbesondere im dritten Quartal zog das Geschäft mit Kunden aus der Nuklearindustrie an, nachdem die Produktion hochgefahren wurde.
Für Anleger könnte dieser Bereich langfristig interessant werden. Spezialgraphit wird in verschiedenen industriellen und energietechnischen Anwendungen benötigt, die hohe Anforderungen an Materialqualität und Zuverlässigkeit stellen.
Damit verfügt SGL Carbon über ein Geschäftsfeld, das von langfristigen Investitionen in Energieinfrastruktur profitieren könnte.
Carbonfasern: Weniger Umsatz, aber deutlich mehr Gewinn
Auch im Geschäftsbereich Fiber Composites zeigt die Restrukturierung Wirkung.
Der Umsatz sank von 210,5 auf 147 Millionen Euro. Das entspricht einem Rückgang von rund 30 Prozent.
Trotzdem stieg das bereinigte EBITDA von 17,8 auf 28,7 Millionen Euro.
Die bereinigte EBITDA-Marge sprang von 8,5 auf 19,5 Prozent.
Das ist eine bemerkenswerte Entwicklung.
SGL Carbon hat sich von unrentablen Geschäftsaktivitäten getrennt und konzentriert sich zunehmend auf höherwertige, kundenspezifische Lösungen.
Zusätzlich profitierte der Bereich von einem gestiegenen Ergebnisbeitrag des Gemeinschaftsunternehmens BSCCB.
Dieser erhöhte sich von 5,6 auf 10,9 Millionen Euro.
Die Zahlen zeigen, dass die Strategie, auf profitable Umsätze statt auf reines Volumenwachstum zu setzen, erste deutliche Erfolge liefert.
Allerdings ist noch offen, wie nachhaltig die höheren Margen ausfallen werden, wenn sich Produktmix und Auslastung verändern.
Schwaches Chemiegeschäft bleibt ein Problem
Nicht alle Geschäftsbereiche entwickeln sich positiv.
Im Segment Process Technology bekommt SGL Carbon die anhaltende Schwäche der europäischen Chemieindustrie deutlich zu spüren.
Der Umsatz brach um 27,7 Prozent auf 74 Millionen Euro ein.
Noch stärker fiel der Rückgang beim bereinigten EBITDA aus. Dieses sank von 28 auf 11,2 Millionen Euro.
Die Marge verringerte sich von 27,3 auf 15,1 Prozent.
Hintergrund sind verschobene Investitions- und Wartungsprojekte der Chemieunternehmen.
Hohe Energiepreise, steigende Arbeitskosten und regulatorische Belastungen führen dazu, dass viele Kunden ihre Investitionen zurückhalten.
Für SGL Carbon bleibt dieses Geschäft damit ein Unsicherheitsfaktor.
Eine Erholung der Chemieindustrie könnte zwar zusätzliche Nachfrage auslösen. Wann und in welchem Umfang diese eintritt, lässt sich derzeit aber nicht zuverlässig abschätzen.
Schulden sinken, Cashflow steigt: Die Bilanz wird immer stärker
Neben dem operativen Turnaround überzeugt SGL Carbon mit einer verbesserten Finanzlage.
Die Nettofinanzschulden reduzierten sich von 98,9 Millionen Euro zum Jahresende 2025 auf 78,5 Millionen Euro Ende September 2026.
Der Verschuldungsfaktor sank von 0,7 auf 0,6.
Gleichzeitig erhöhte sich die Eigenkapitalquote von 39,2 auf 41 Prozent.
Besonders erfreulich entwickelte sich der Free Cashflow.
Dieser stieg in den ersten neun Monaten von 12,5 auf 38 Millionen Euro und hat sich damit mehr als verdreifacht.
Das bedeutet, dass SGL Carbon nicht nur bilanziell wieder Gewinne ausweist, sondern auch deutlich mehr freie Mittel erwirtschaftet.
Zusätzliche Liquidität bringt der Verkauf des ehemaligen Carbonfaserstandorts Moses Lake in den USA.
Aus der Transaktion erhielt SGL Carbon bereits eine erste Kaufpreistranche von 45 Millionen US-Dollar.
Der Konzern hat deshalb auch seine Free-Cashflow-Prognose für 2026 entsprechend angehoben.
Wichtig ist allerdings die Unterscheidung zwischen laufendem Mittelzufluss und einmaligen Verkaufserlösen. Der Standortverkauf verbessert die Liquidität, stellt aber keinen dauerhaft wiederkehrenden operativen Cashflow dar.
Prognose angehoben: Bis zu 140 Millionen Euro EBITDA erwartet
Aufgrund der positiven Geschäftsentwicklung hat SGL Carbon seine Ergebnisprognose für das Gesamtjahr 2026 bereits Anfang Oktober angehoben.
Der Konzern erwartet nun ein bereinigtes EBITDA zwischen 130 und 140 Millionen Euro.
Bislang lag die Prognosespanne bei 110 bis 130 Millionen Euro.
Damit wurde insbesondere das untere Ende der Ergebniserwartung deutlich nach oben verschoben.
Beim Umsatz rechnet das Unternehmen mit einem Wert am oberen Ende der bisherigen Spanne von 720 bis 770 Millionen Euro.
Auf Basis der Neunmonatszahlen fehlen damit bis zur oberen Umsatzgrenze von 770 Millionen Euro noch rund 175 Millionen Euro.
Beim bereinigten EBITDA müsste SGL Carbon im vierten Quartal zwischen 23,7 und 33,7 Millionen Euro erwirtschaften, um die neue Prognose zu erreichen.
Das erscheint angesichts der bisherigen Geschäftsentwicklung grundsätzlich erreichbar, bleibt aber von der Nachfrageentwicklung und weiteren operativen Faktoren abhängig.
Die mittelfristigen Ziele der Strategie SGL Growth 2030 bleiben unverändert.
SGL Carbon Aktie: Ist der Turnaround nachhaltig?
Die Entwicklung bei SGL Carbon zeigt, dass eine konsequente Restrukturierung erhebliche Auswirkungen auf die Ertragskraft eines Industrieunternehmens haben kann.
Der Konzern erzielt weniger Umsatz als im Vorjahr, verdient unter dem Strich aber wieder Geld.
Besonders positiv sind die steigenden Margen in Graphite Solutions und Fiber Composites sowie die deutlich verbesserte Cashflow-Entwicklung.
Hinzu kommen neue Perspektiven durch die Nachfrage aus der Halbleiter- und Nuklearindustrie.
Für die SGL Carbon Aktie könnte vor allem entscheidend werden, ob das Unternehmen die erreichte Profitabilität auch ohne außergewöhnliche Ausgleichszahlungen halten kann.
Denn die 30,4 Millionen Euro aus angepassten Halbleiterverträgen haben das Ergebnis spürbar gestützt. Gleichzeitig bleibt das Geschäft mit der Chemieindustrie unter Druck.
Eine nachhaltige Neubewertung der Aktie würde deshalb voraussetzen, dass SGL Carbon auch in den kommenden Quartalen solide operative Ergebnisse und einen positiven Free Cashflow erzielt.
Das Fazit: SGL Carbon hat wichtige Schritte beim Umbau des Konzerns erfolgreich umgesetzt. Der Sprung zurück in die Gewinnzone, sinkende Schulden und die angehobene Prognose sprechen für eine deutlich verbesserte Ausgangslage.
Die eigentliche Bewährungsprobe folgt jedoch erst noch: Kann der Konzern seine neue Ertragskraft dauerhaft sichern und gleichzeitig wieder organisches Wachstum erzielen?
Gelingt das, könnte sich SGL Carbon vom klassischen Sanierungsfall zu einem profitablen Spezialwerkstoffkonzern mit attraktiven Wachstumsperspektiven entwickeln.















