Krisenstimmung im Luxussegment? Bei der virtuellen vierten ordentlichen Hauptversammlung der Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG ging es ans Eingemachte. Der seit Jahresbeginn amtierende Vorstandsvorsitzende Dr. Michael Leiters stellte sich am 23. Juni den Aktionären und verbarg nicht, dass die Lage für den Stuttgarter Vorzeige-Autobauer ungemütlich bleibt. Doch statt in Agonie zu verharren, bläst Leiters zum radikalen Umbau. Mit der neuen „Strategie 2035“ soll die Sportwagen-Schmiede geschrumpft, gestrafft und wieder auf maximale Profitabilität getrimmt werden. Für Anleger bedeutet das kurzfristig: Sicherheitsgurte anlegen. Denn der Umbau wird schmerzhaft.
Millionen-Belastungen und Zoll-Frust: Die Prognose steht auf wackligen Beinen
Die nackten Zahlen für das laufende Geschäftsjahr 2026 zeigen, unter welchem immensen Druck die Zuffenhausener derzeit operieren. Zwar bestätigte Leiters die Jahresprognose, doch die Margen-Träume der Vergangenheit sind erst einmal passé. Porsche rechnet mit einer operativen Konzernumsatzrendite von gerade einmal 5,5 bis 7,5 Prozent.
Der Grund für den dicken Dämpfer: Die Bilanz wird von brutalen Sonderfaktoren zerfressen. Satte 800 bis 900 Millionen Euro an außerordentlichen Aufwendungen sowie schwere Zollbelastungen von rund 700 Millionen Euro schlagen voll ins Kontor. Beim Umsatz peilt der Konzern einen Korridor von 35 bis 36 Milliarden Euro an. Bei der Net-Cashflow-Marge im Segment Automobile backt man mit erwarteten 3 bis 5 Prozent ebenfalls kleinere Brötchen.
Michael Leiters redet nicht um den heißen Brei herum:
„Wir befinden uns nach wie vor in einer herausfordernden Situation und arbeiten deshalb aktuell an einer Strategie, die uns zu einer nachhaltig gesunden Profitabilität und einer stärkeren strategischen Resilienz führt. Wir richten unser Unternehmen konsequent auf das Kerngeschäft aus. Zum Fundament der Strategie 2035 gehört, dass wir unsere Organisation strukturell anpassen und über alle Ebenen verschlanken.“
Sein unmissverständlicher Anspruch für die Zukunft:
„Weniger Komplexität, klarere Zuständigkeiten und mehr Verantwortung in der Umsetzung.“
Kahlschlag im Portfolio: Porsche streicht unbeliebte Modellvarianten
Die erste dicke Säule der neuen Strategie betrifft das Produktportfolio – und hier setzt der neue Chef den Rotstift an. Im Vergleich zur Konkurrenz ist das Angebot schlicht zu aufgebläht und unübersichtlich geworden. Die Konsequenz: Weniger Masse, mehr Klasse. Ein prominentes Opfer gibt es bereits. In den USA hat Porsche kurzerhand zwei Karosserievarianten des Elektro-Pioniers Taycan komplett aus dem Programm genommen, um sich radikal an den tatsächlichen Kundenwünschen auszurichten.
Beim Thema Antrieb geht Porsche einen dreigleisigen Weg aus Verbrennern, Hybriden und E-Autos. Eine heilige Kuh wird dabei jedoch nicht geschlachtet: Der ikonische 911 bleibt vom reinen Batterie-Zwang verschont.
„Für den 911 ist der eigens entwickelte Performance-Hybrid ein elementarer Baustein, eine Art Lebenselixier für die Zukunft. Denn einen vollelektrischen 911 wird es nicht geben“, stellt Leiters klar.
Stattdessen soll der kommende Cayenne Electric im E-Segment die Kastanien aus dem Feuer holen:
„Ich bin überzeugt, dass der Cayenne Electric im elektrischen Zeitalter eine Schlüsselrolle für Porsche spielen kann – und dazu beiträgt, eine echte BEV-Heritage aufzubauen.“
Dabei erteilt der Porsche-Chef dem reinen Volumen-Wahn eine Absage. Es gehe um Begehrlichkeit und Preisdurchsetzungskraft:
„Mehr Autos machen Porsche nicht automatisch stärker. Stärker werden wir dann, wenn Kunden sich ganz bewusst für einen Porsche entscheiden. Nicht, weil sie ihn unbedingt brauchen. Sondern, weil sie ihn unbedingt haben wollen. Und dann auch bereit sind, den entsprechenden Preis zu bezahlen.“
Stellenabbau droht? Werksschließungen kein Tabu, aber „Made in Germany“ bleibt
Um die Kosten in den Griff zu bekommen, greift Porsche zu drastischen internen Maßnahmen. Der Konzern prüft derzeit intensiv, wie Plattformen und Branchenlösungen flexibler genutzt werden können – das schließt die verstärkte, intelligente Nutzung von Volkswagen-Konzernbaukästen explizit mit ein.
Gleichzeitig brennt es an der Personalfront. Es laufen bereits offene Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern über eine „sozialverträgliche Anpassung der Beschäftigtenzahl“. Das bedeutet im Klartext: Ein Stellenabbau ist beschlossene Sache.
„Wir sind uns einig, dass Handlungsbedarf besteht und wo er besteht“, so Leiters. „Wir haben bei Porsche ein motiviertes und engagiertes Team mit großartigen Talenten. Aber um unsere Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu sichern, reicht die bisher geplante Verschlankung des Unternehmens nicht aus.“
Trotz des harten Sanierungskurses bricht der Chef eine Lanze für den heimischen Standort:
„Das Label ‚Made in Germany‘ steht derzeit unter Druck, weil die Rahmenbedingungen anspruchsvoller geworden sind. Davon dürfen wir uns aber nicht beeindrucken lassen. Wir müssen Made in Germany neu erfinden und uns unter Beweis stellen. Das wird am Ende darüber entscheiden, ob wir erfolgreich sind.“
Dividenden-Dämpfer für Aktionäre: Der Aufsichtsrat schwört auf „Schmerz“
Für die leidgeprüften Aktionäre gab es auf der Hauptversammlung eine bittere Pille zu schlucken. Für das abgelaufene Geschäftsjahr 2025 schlagen Vorstand und Aufsichtsrat eine Dividende von lediglich 1,01 Euro je Vorzugsaktie und 1,00 Euro je Stammaktie vor. Damit schüttet Porsche zwar prozentual mehr als die anvisierten 50 Prozent des Konzernergebnisses aus, absolut gesehen ist es jedoch ein spürbarer Rückschlag.
Leiters verteidigte die Kürzung:
„Wir sichern uns in der Transformationsphase finanzielle Flexibilität und es bleibt unser Ziel, langfristig Werte zu schaffen. In absoluten Zahlen ist die Ausschüttung natürlich niedriger als im Vorjahr.“
Unterstützung erhält der neue Sanierer von ganz oben. Aufsichtsratschef Dr. Wolfgang Porsche stellte sich demonstrativ hinter Leiters Kurs und stimmte die Anteilseigner auf harte Zeiten ein:
„Wir setzen auf Disziplin, eindeutige Prioritäten und eine konsequente Umsetzung der notwendigen Maßnahmen. Diese werden deutlich spürbar und in Teilen auch schmerzhaft sein. Sie sind jedoch erforderlich, um uns auf die Erfolgsspur zurückzubringen. Mit der Strategie 2035 wird der Vorstand die Richtung vorgeben. Der Aufsichtsrat wird diesen Prozess eng begleiten, mit einem klaren Fokus auf Profitabilität, Kostendisziplin und nachhaltige Wertsteigerung. […] Ich bin überzeugt: Wenn wir diesen Weg entschlossen gehen, wird Porsche seine Stärke zurückgewinnen.“
Das Anleger-Fazit: Wer bei der Porsche-Aktie auf das schnelle Geld gehofft hat, muss umdenken. Der Luxus-Autobauer steckt mitten in einer tiefgreifenden Restrukturierung. Höhere Zölle, interne Ineffizienzen und der teure Umbau fressen kurzfristig die Rendite auf. Dass die Details zur „Strategie 2035“ erst am 7. Oktober final vorgestellt werden, verlangt Anlegern zusätzliche Geduld ab. Ähnlich wie die Konkurrenten Mercedes-Benz oder BMW kämpft auch Porsche mit dem schwierigen globalen Umfeld. Wer jedoch an den Mythos der Marke glaubt und darauf setzt, dass Leiters das Portfolio erfolgreich entschlackt, nutzt die aktuell gedrückten Kurse als langfristige Turnaround-Chance. Kurzfristig bleibt das Papier aber ein heißer Ritt.














