Die thyssenkrupp nucera hat im zweiten Quartal 2025/2026 ein äußerst widersprüchliches Zahlenwerk vorgelegt: Während Umsatz und Ergebnis massiv unter Druck gerieten, explodierte der Auftragseingang regelrecht. Besonders das Wasserstoffgeschäft zeigt trotz des aktuell schwierigen Marktumfelds neue Dynamik – und liefert Hinweise darauf, dass sich der globale Elektrolysemarkt wieder beleben könnte.
Auftragseingang vervierfacht sich nahezu
Der Auftragseingang stieg im zweiten Quartal auf 316 Mio. Euro und lag damit fast viermal so hoch wie im Vorjahresquartal mit 83 Mio. Euro.
Auch auf Halbjahressicht beschleunigte sich das Wachstum massiv: In den ersten sechs Monaten kletterte der Auftragseingang um 119 % auf 391 Mio. Euro.
Der Auftragsbestand erhöhte sich zum 31. März 2026 auf 732 Mio. Euro nach 606 Mio. Euro zum Ende des vergangenen Geschäftsjahres.
Damit erreicht thyssenkrupp nucera den höchsten Wert neuer Aufträge seit dem Börsengang im Juli 2023.
CEO Werner Ponikwar sprach von einem „klar positiven Momentum“ im Wasserstoffgeschäft und verwies auf die hohe Nachfrage nach Elektrolyse-Technologien sowie neuen margenstarken Serviceangeboten.
Milliardenmarkt Wasserstoff bleibt intakt
Besonders stark entwickelte sich das Segment Grüner Wasserstoff (gH2).
Hier sprang der Auftragseingang im zweiten Quartal von lediglich 4 Mio. Euro im Vorjahr auf 176 Mio. Euro an.
Treiber war vor allem der Großauftrag des spanischen Energiekonzerns Moeve für das Projekt „Andalusian Green Hydrogen Valley“. thyssenkrupp nucera liefert hierfür Elektrolyseure mit einer Gesamtleistung von 300 Megawatt für die größte Wasserstoffanlage Südeuropas.
Zusätzlich erhielt das Unternehmen den Zuschlag für eine FEED-Studie zu einem 260-MW-Wasserstoffprojekt in Indien.
Die Projekte unterstreichen, dass die internationale Nachfrage nach industriellen Wasserstofflösungen trotz des derzeit schwierigen Marktumfelds weiter wächst.
Chlor-Alkali liefert Rekordauftrag
Auch das Chlor-Alkali-Geschäft entwickelte sich äußerst robust.
Der Auftragseingang im Segment stieg im zweiten Quartal auf 140 Mio. Euro nach 79 Mio. Euro im Vorjahr.
Besonders wichtig war dabei ein Großprojekt im Mittleren Osten für einen der weltweit größten PVC-Produktionskomplexe – gleichzeitig der größte Auftrag der Unternehmensgeschichte im Chlor-Alkali-Bereich.
Zusätzlich legte das margenstarke Servicegeschäft in China, den USA und Europa zu.
Umsatz und Ergebnis brechen massiv ein
Trotz der starken Auftragslage geriet das operative Geschäft deutlich unter Druck.
Der Konzernumsatz brach im zweiten Quartal um 77 % auf nur noch 50 Mio. Euro ein. Im Vorjahresquartal hatte der Umsatz noch bei 216 Mio. Euro gelegen.
Hintergrund waren vor allem Sondereffekte im Wasserstoffsegment, darunter höhere Projektkosten sowie die Auflösung eines Pilotprojekts.
Auch das EBIT rutschte tief in die roten Zahlen und lag im zweiten Quartal bei -65 Mio. Euro nach -4 Mio. Euro im Vorjahr.
Im ersten Halbjahr summierte sich das EBIT auf -69 Mio. Euro.
Das Ergebnis aus fortgeführten Aktivitäten nach Steuern lag im zweiten Quartal bei -64 Mio. Euro.
Strategischer Umbau und neue Service-Offensive
thyssenkrupp nucera reagiert auf die Marktveränderungen mit einer strategischen Erweiterung des Geschäftsmodells.
Neu vorgestellt wurde ein umfassendes 360-Grad-Serviceportfolio für den gesamten Lebenszyklus von Wasserstoff- und Chlor-Alkali-Anlagen.
Ziel ist es, die Anlagenverfügbarkeit zu maximieren, Betriebskosten zu senken und langfristige margenstarke Serviceerlöse aufzubauen.
Zusätzlich entwickelt das Unternehmen standardisierte „Plug-and-Play“-Elektrolysesysteme mit 120 MW Leistung, um die Umsetzung großer Wasserstoffprojekte zu vereinfachen und zu beschleunigen.
Forschungsausgaben steigen weiter
Parallel zum Ausbau des Produktportfolios investiert thyssenkrupp nucera weiter kräftig in Forschung und Entwicklung.
Die F&E-Aufwendungen stiegen im zweiten Quartal auf 10 Mio. Euro nach 8 Mio. Euro im Vorjahr.
Im Halbjahresvergleich erhöhten sich die Investitionen auf 18 Mio. Euro.
Damit unterstreicht das Unternehmen seinen Anspruch, technologisch eine führende Rolle im globalen Elektrolysemarkt einzunehmen.
Free Cashflow verbessert sich überraschend deutlich
Positiv entwickelte sich der Free Cashflow, der sich im zweiten Quartal deutlich auf 9 Mio. Euro verbesserte. Im Vorjahreszeitraum hatte noch ein negativer Wert von -5 Mio. Euro zu Buche gestanden.
Auch auf Halbjahressicht blieb der Free Cashflow mit 3 Mio. Euro positiv.
Die solide Liquiditätsentwicklung verschafft dem Unternehmen zusätzlichen Spielraum in einer Phase hoher Investitionen und Marktvolatilität.
Prognose bestätigt – Wasserstoff bleibt Übergangsjahr
Trotz der starken Auftragsdynamik bestätigt thyssenkrupp nucera die zuletzt angepasste Prognose für das Geschäftsjahr 2025/2026.
Der Konzern erwartet weiterhin:
- Auftragseingang: 550 bis 850 Mio. Euro
- Umsatz: 450 bis 550 Mio. Euro
- EBIT: -80 bis -30 Mio. Euro
Im Wasserstoffsegment rechnet das Unternehmen wegen Projektverschiebungen und hoher Vorleistungen weiterhin mit einem deutlichen Verlust.
Gleichzeitig signalisiert die aktuelle Auftragslage jedoch, dass sich die Marktbedingungen im globalen Wasserstoffgeschäft zunehmend verbessern könnten.
Fazit: Schwaches Ergebnis, aber starke Signale für den Zukunftsmarkt
Die aktuellen Zahlen zeigen deutlich die Übergangsphase, in der sich der globale Wasserstoffmarkt weiterhin befindet. Operativ belasteten Projektanpassungen und hohe Vorleistungen kurzfristig Umsatz und Ergebnis erheblich.
Gleichzeitig liefert der massive Auftragsschub ein starkes Signal dafür, dass sich die Investitionsbereitschaft internationaler Kunden wieder belebt.
Für Anleger dürfte nun entscheidend werden, ob thyssenkrupp nucera die neue Projektpipeline in den kommenden Quartalen erfolgreich in margenstarke Umsätze und profitables Wachstum überführen kann.














