Mutares bleibt ihrem Ruf als umtriebige Beteiligungsgesellschaft treu – und schlägt nun ein ganz neues Kapitel auf. Statt nur klassische Industriecarve-outs zu übernehmen, geht es diesmal mitten in den Onlinehandel: Mutares hat eine Vereinbarung zur Übernahme von Mimovrste d.o.o. und Internet Mall d.o.o. (Mall.hr) sowie zugehöriger IT-Ressourcen in Tschechien unterzeichnet. Verkäufer ist die Allegro Group, einer der großen Namen im mittel- und osteuropäischen E-Commerce.
Die beiden Plattformen sind alles andere als Nischen-Experimente. Mimovrste gilt als führende E-Commerce-Plattform in Slowenien, Mall.hr gehört zu den fünf größten Anbietern in Kroatien. Zusammen bringen sie rund 100 Mio. Euro Umsatz, mehr als 250 Mitarbeitende, vier stationäre Geschäfte und ein ausgebautes Logistiknetzwerk mit. Für Mutares ist der Deal als neue Plattform-Investition im Segment Goods & Services vorgesehen – also nicht nur als kleiner Zukauf, sondern als Basis für eine größere E-Commerce-Story. Der Abschluss wird für das erste Quartal 2026 erwartet.
Marktführer in Slowenien, starker Herausforderer in Kroatien
Mimovrste kommt mit beeindruckenden Kennzahlen: über 600.000 aktive Käufer und 48 Millionen Website-Besuche allein im Jahr 2024. Damit ist die Plattform im kleinen, aber kaufkräftigen slowenischen Markt klar gesetzt. Mall.hr wiederum ist in Kroatien eine bekannte Marke und zählt zu den Schwergewichten des dortigen Onlinehandels.
Inhaltlich bedienen beide Plattformen das klassische E-Commerce-Spektrum für Haushalte: rund 2 Millionen aktive Produktangebote in über 20 Kategorien, von Haushaltsgeräten über Unterhaltungselektronik bis hin zu weiteren Konsumgütern. Wichtiger als die Breite ist dabei die Tiefe der Beziehungen: starke lokale Lieferanten, kuratierte Markenauswahl, hohe Wiedererkennbarkeit bei Endkunden.
Für Mutares bedeutet das: Man kauft keine wackligen Start-ups, sondern etablierte Player mit realem Markenwert in ihren Heimatmärkten – inklusive einer modernen, skalierbaren Technologieplattform, die sich prinzipiell auch für Expansion in Nachbarländer anbietet.
E-Commerce-Plattform als neue Säule im Segment Goods & Services
Bisher wurden mit Mutares vor allem Turnaround-Stories rund um Automotive, Industrie und Infrastruktur verbunden. Die Übernahme von Mimovrste und Mall.hr verschiebt diese Wahrnehmung ein Stück weit. Im Segment Goods & Services entsteht eine neue Plattform, die klar auf Konsum, Onlinehandel und Skalierungseffekte zielt.
Drei physische Stores in Slowenien und ein Laden in Kroatien fungieren als Schaufenster in die Offline-Welt und stützen die Marke, während das eigentliche Geschäft über die Online-Plattformen und das Logistiknetzwerk läuft. Gerade auf dem Balkan, wo der E-Commerce-Penetrationsgrad noch unter westeuropäischen Niveaus liegt, sind Wachstumsraten oft zweistellig – bei gleichzeitig überschaubarer Konkurrenzdichte.
Mutares bekommt damit die Chance, über Buy-and-Build, Sortimentsoptimierung, Effizienzprogramme und eine intelligentere Lieferantensteuerung Margen und Volumen gleichzeitig anzuheben. Genau das ist das klassische Spielfeld der Münchner: operative Hebel identifizieren, Prozesse straffen, Portfolio schärfen – und irgendwann mit einem satten Multiple wieder verkaufen.
„Einzigartige Gelegenheit“ – Laumann sieht Balkan-Plattform im Aufbau
CIO Johannes Laumann lässt keinen Zweifel daran, wie er die Transaktion einordnet. Er spricht von einer „einzigartigen Gelegenheit“, führende Balkan-Plattformen zu erwerben, die auf einer skalierbaren Technologie und starken lokalen Marken aufsetzen. Mimovrste und Mall.hr hätten in einem dynamischen Umfeld Resilienz und Wachstum bewiesen. Unter neuer Eigentümerschaft solle die regionale Führungsposition weiter ausgebaut und zusätzlicher Wert für alle Stakeholder geschaffen werden.
Übersetzt heißt das: Mutares sieht hier weniger eine Sanierungsbaustelle, sondern eine Wachstumsplattform, die mit dem richtigen Schub zu einem deutlich größeren E-Commerce-Cluster im südosteuropäischen Raum werden könnte.
Risiko E-Commerce – Chance Emerging Markets
Ganz ohne Risiko ist der Schritt nicht. E-Commerce ist ein hart umkämpftes Geschäft, Margen stehen unter Druck, Kundengewinnung kostet Geld, und internationale Riesen wie Amazon, Allegro oder lokale Player schlafen nicht. Mutares steigt in einen Markt ein, der weniger planbar ist als ein klassischer Autozulieferer oder ein Logistiker mit langlaufenden B2B-Verträgen.
Auf der anderen Seite eröffnen Balkan- und SEE-Märkte genau jene Chance, die in reifen Märkten oft fehlt: Wachstum über steigende Online-Penetration, Ausbau des Sortiments, regionale Expansion. Wer hier früh starke Marken und effiziente Strukturen aufbaut, kann sich eine dominante Stellung in einer ganzen Subregion sichern.
Für Anleger in die Mutares-Aktie ist der Deal daher doppelt spannend: Er erweitert das Portfolio um eine neue, wachstumsorientierte Säule im Konsumsektor – und erhöht gleichzeitig das Exposure zu konjunktur- und wettbewerbssensiblen E-Commerce-Dynamiken. Ob daraus ein echter Renditeturbo oder nur eine hübsche Fußnote der Beteiligungsgeschichte wird, hängt davon ab, wie konsequent Mutares seine typische operative „Handschrift“ auch im digitalen Handelsumfeld zur Geltung bringen kann.
Fest steht: Mit Mimovrste und Mall.hr holt sich die Beteiligungsgesellschaft zwei der spannendsten Onlineadressen des Balkans ins Boot – und verpasst ihrer bisherigen Industrie-DNA einen deutlich konsumorientierteren Anstrich.













