Mutares wagt den ganz großen Wurf: Milliarden-Schwenk in die Spezialchemie mit SABIC-Deal

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Mutares dreht an einer neuen, deutlich größeren Stellschraube: Mit der geplanten Übernahme des regionalen Geschäftsbereichs Engineering Thermoplastics (ETP) von SABIC in Amerika und Europa steigt die Beteiligungsgesellschaft in eine ganz andere Dimension auf.

Zu einem Unternehmenswert von 450 Mio. US-Dollar übernimmt Mutares das ETP-Geschäft – nach eigenen Angaben die größte Transaktion in der Unternehmensgeschichte. Und sie wird nicht einfach in das bestehende Portfolio einsortiert: Der Deal markiert die Geburt eines neuen strategischen Segments, „Chemicals & Materials“. Dort soll das ETP-Geschäft als Kernplattform dienen, flankiert von Venator Ultramarine Blue Pigments, das bereits im Portfolio ist.

Der Abschluss der Transaktion wird – vorbehaltlich der üblichen Genehmigungen – im zweiten Halbjahr 2026 erwartet. Bis dahin bleibt Zeit, sich die Dimensionen klarzumachen, in die Mutares hier vorstößt.

2,5 Milliarden Dollar Umsatz, acht Werke, globale Marken – ein Schwergewicht für die Plattform

Das ETP-Geschäft bringt alles mit, was eine ernstzunehmende Spezialchemie-Plattform braucht: rund 2,5 Mrd. US-Dollar Umsatz, etwa 2.900 Mitarbeitende und acht Produktionsstandorte in Amerika und Europa.

Die Kapazitäten sind beeindruckend: etwa 1,085 Millionen Tonnen Harzproduktion und rund 780.000 Tonnen Compoundierung. Auf dieser Basis entstehen technische Thermoplaste, die tief in Wertschöpfungsketten von Automobil, Bau, Konsumgütern und Elektronik eingebettet sind.

Im Produktportfolio finden sich bekannte Namen: Polycarbonate (PC), Polybutylenterephthalat (PBT) und Acrylnitril-Butadien-Styrol (ABS), vermarktet unter weltweit etablierten Marken wie LEXAN™, CYCOLOY™, VALOX™ und CYCLOLAC™.

Marktseitig ist die Position klar:

  • Zweitgrößter PC-Hersteller weltweit,

  • führender ABS-Produzent in den USA,

  • und einziger PBT-Hersteller in den USA.

Dazu kommt ein breit diversifizierter Kundenstamm: knapp 40 Prozent des Umsatzes stammen aus der Automobilindustrie, etwa ein Fünftel aus dem Bauwesen, dazu Konsumgüter, Elektrotechnik/Elektronik, Gesundheitswesen sowie Anwendungen von Wasserbehältern bis zu Industriekomponenten. Regional ist das Geschäft mit rund zwei Dritteln Umsatz in Amerika und einem Drittel in Europa solide balanciert.

Kurz: Mutares übernimmt kein Restrukturierungs-Experiment im Hinterhof, sondern einen etablierten, global relevanten Player.

Von Automotive & Mobility zu Chemicals & Materials – Mutares schärft sein Profil

Bislang war Mutares in der Wahrnehmung vieler Investoren vor allem ein aggressiver Turnaround-Spezialist in Automotive & Mobility, Industrie und Logistik. Mit der ETP-Übernahme verschiebt sich das Bild spürbar.

Das neue Segment Chemicals & Materials soll mehr sein als eine Schublade für Einzelbeteiligungen. Die Idee ist klar: eine integrierte Plattform aufzubauen, die von der Harzproduktion über Compoundierung, Applikations-Know-how und Entwicklung bis hin zu spezialisierten Pigmenten reicht.

Hier passt auch die Einbindung von Venator Ultramarine Blue Pigments ins Bild. Farbpigmente, Spezialpolymere, fortschrittliche Materialien – das sind Bereiche, in denen technologische Tiefe und Kundennähe über Margen entscheiden. Die „klassische“ Mutares-Mechanik – Einkaufspreis, Effizienzhebel, Konsolidierung – wird hier ergänzt um Materialkompetenz und Innovationspipeline.

CIO Johannes Laumann spricht folgerichtig von einem „Meilenstein in der Unternehmensentwicklung“. Die Präsenz in Amerika und Europa, die Premium-Marken und die technologische Tiefe des ETP-Geschäfts seien eine „hervorragende Grundlage für den Aufbau einer führenden Plattform für fortschrittliche Werkstoffe und Spezialchemikalien“.

SABIC sortiert sich neu – Mutares übernimmt das Erbe

Auf Verkäuferseite ist die Transaktion Teil eines größeren Strategiepuzzles. SABIC-CEO Abdulrahman Al-Fageeh ordnet den Schritt als Fortsetzung eines bereits 2022 gestarteten Portfolio-Optimierungsprogramms ein. Ziel: langfristiges, nachhaltiges Wachstum und maximale Wertschöpfung.

In einem kompetitiven Verkaufsprozess setzte sich Mutares als Käufer durch – ein wichtiges Signal, wenn ein globaler Chemiegigant einem Finanzinvestor sein industrielles Erbe in die Hände legt. Al-Fageeh formuliert es offen: Mutares sei ausgewählt worden, „um das Erbe fortzuführen“, das SABIC mit dem ETP-Geschäft aufgebaut habe.

Für Mutares ist das mehr als ein Kompliment. Es ist eine Referenz im globalen Chemiesektor, die künftig Türen öffnen kann – bei weiteren Carve-outs, bei Kooperationen, aber auch beim späteren Exit.

Was bedeutet der Deal für die Mutares-Story?

Für Anleger in die Mutares-Aktie ist der ETP-Kauf ein echter Wendepunkt. Die Beteiligungsgesellschaft geht damit drei große Wetten ein:

Erstens auf die Zukunft technischer Thermoplaste. PC, ABS und PBT sind Eckpfeiler moderner Anwendungen – von E-Mobilität über Leichtbau bis zu langlebigen Konsumgütern. Der Trend zu leichteren, robusteren, teilweise recycelbaren Materialien spielt dieser Asset-Klasse in die Karten, auch wenn sie zyklisch bleibt.

Zweitens auf die eigene Integrationskraft. Ein Geschäft mit 2,5 Mrd. US-Dollar Umsatz und mehreren tausend Mitarbeitern ist eine andere Liga als viele bisherige Mutares-Deals. Prozesse, Governance, Kultur – all das muss nicht nur stabil gehalten, sondern aktiv in eine neue Plattformlogik gebracht werden.

Drittens auf die Skalierbarkeit des neuen Segments. Chemicals & Materials soll nicht bei SABIC ETP und Venator stehenbleiben. Gelingt es, weitere Spezialchemie-Assets anzudocken, könnten hier mittelfristig Werte entstehen, die weit über den klassischen „Kauf–Sanierung–Verkauf“-Zyklus hinausgehen.

Die Akquisition ist damit Chance und Belastungsprobe zugleich: Sie kann Mutares in eine neue Wahrnehmungsklasse heben – als europäische Industrieholding mit ernstzunehmender Präsenz in der Spezialchemie. Sie verlangt aber auch, dass die Münchner ihre Turnaround-DNA auf ein Geschäft anwenden, das groß, komplex und global verflochten ist.

Eines ist sicher: Mit dem SABIC-Deal hat Mutares den nächsten Gang eingelegt. Jetzt muss das Unternehmen zeigen, dass es nicht nur mittelgroße Carve-outs drehen, sondern auch einen vollwertigen Chemie-Champion formen kann.

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